Geschichten aus der DDR: Grenzsoldaten heimlich im Garten





von: hemueveg

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Es war Anfang der siebziger Jahre. Ich war ein sehr junger Teenager. Zusammen mit meiner jüngeren Schwester verlebte ich einen Teil der Sommerferien bei meiner Oma und Tante in Stolpe-Süd, das ist eine kleine Gemeinde neben Berlin-Heiligensee.
Stolpe-Süd war damals Grenzgebiet. Das heißt, es durften nur seine Einwohner dort hinein. Für enge Verwandte (wie wir es waren) mussten Passierscheine beantragt werden, dann durften auch sie das Grenzgebiet betreten. Der Rest der Leute musste draußen bleiben.
Zusammen mit unseren Stolpe-Süder Kusinen spielten wir in Omas Garten am Rande der Berliner Mauer. Dass uns dabei die Grenzsoldaten ständig zuschauten, störte mich persönlich ziemlich stark.

Wir spielten Varieté-Show mit Gesang, Tanz und Kunststückchen. Dazu klammerten wir Decken als Bühnenvorhang an die Wäscheleine. Jeder war abwechselnd auftretender Star und dann wieder Zuschauer. Es machte Riesenspaß, wenn nur nicht die Grenzer gewesen wären, die uns ständig, weil sie Langeweile hatten, mit dem Feldstecher beobachteten.
Zum Abend hin hatten wir vier Mädchen die Idee, uns aus den besagten Decken ein Zelt zu bauen. Wir gaben uns Mühe und arbeiteten wieder mit Wäscheklammern und zur Fixierung der Zeltwände mit Steinen. Wir überredeten unsere Oma und Tante, die Nacht über im Zelt schlafen zu dürfen. Wir durften sogar Kissen und Bettzeug mitnehmen.
Es war urgemütlich, dieses selbstgebaute Deckenzelt.
Wir lagen zu viert nebeneinander, meine Kusine Marion und ich jeweils außen, meine Schwester und Marions Schwester innen. Wir erzählten uns Gruselgeschichten und kuschelten uns dabei eng aneinander, bis wir einschliefen.
In der Nacht wurden Marion und ich durch Geräusche wach. Grenzer befanden sich in unserem Garten. Wir hörten sie Pflaumenbäume schütteln und auf der Hollywoodschaukel schaukeln. Sie unterhielten sich zuerst leise, dann lachten sie plötzlich. Ich nahm an, sie hatten unser kleines Lumpenzelt entdeckt und amüsierten sich darüber.
Dass in dem Zelt vier Mädchen lagen, ahnten sie wohl nicht. Marion und ich waren hellwach, aber mucksmäuschenstill. Wir trauten uns nicht, eine einzige Bewegung zu machen. Unsere Schwestern schliefen fest.
Ich weiß noch, welch große Angst ich hatte, dass den Grenzern die Idee kommen konnte, das Zelt mit den Stiefeln einzutreten, einfach so, und dass sie dabei den Kopf meiner kleinen Schwester hätten treffen können, für die ich einen großen Beschützerinstinkt empfand. Auch hatte ich einen Riesenrespekt vor ihren Waffen.

Irgendwann begann es zu regnen, die Grenzer verschwanden, und unsere Oma kam herbei, um uns und das ganze Bettzeug ins Haus zu holen.
Wir erzählten die Begebenheit mit den Grenzern, erzählten sie noch tagelang. Alle regten sich über die Frechheit der Soldaten auf. Doch unternommen hat niemand etwas.

Undine März







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