Bobby







von: hemueveg

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Meine Hündin Ronja und ich streiften wie jeden Tag durch den Wald. Eines Tages stand unweit von uns entfernt eine junge Frau mit ihrem Hund auf der Waldwegkreuzung. Der Hund, ein hübscher Golden-Retriever-Mischling, kam sofort interessiert auf Ronja zu – und sie näherte sich mit ebenso großem Interesse ihm. Die Frau war besorgt und rief die entscheidende Frage: „Rüde oder Hündin?“ Schnell war das unterschiedliche Geschlecht der beiden Hunde geklärt. Trotzdem beobachteten wir Menschen bang ihr Kennenlernen. Ronja und der fremde Hund, er hieß Bobby, verhielten sich vorbildlich. Sie beschnüffelten sich ausgiebig, vorne und auch hinten, und befanden sich schließlich für gut. Erleichtert konnten wir zwei Menschen uns nun unserem Kennenlernen widmen.
Zwischen uns vieren entwickelte sich bald eine nette Bekanntschaft, ja Freundschaft. Wir freuten uns immer, wenn wir uns trafen. Bobby brauchte, so erzählte sein Frauchen, nur den Namen „Ronja“ zu hören, schon war ihm die Freude deutlich anzumerken. Und meine Ronja zog mich ohnehin wie eine Dampflok gen Wald, so groß war ihre Vorfreude.
Bobby wollte anfangs gern von mir gestreichelt werden, doch das erlaubte meine Ronja nicht. Wie eine Furie ging sie dazwischen und stellte sich eifersüchtig zwischen uns. Bobby hingegen nahm es gelassen, wenn sein Frauchen andere Hunde streichelte. Eifersüchtig reagierte er nur, wenn andere Rüden sich seiner Freundin Ronja näherten. Dann ging er dazwischen, egal, ob der Rivale groß oder klein war.

Bobby und Ronja waren ein niedliches Paar. Sie liefen einträchtig vor uns her und „lasen Zeitung“. Das heißt, sie schnüffelten begeistert alles ab, was ihnen unter die Nase kam. Apropos Nase. Wir stellten fest, dass Bobby einen extrem feinen Geruchssinn hatte. Oft verschwand er im Dickicht, und sein Frauchen fürchtete sich jedesmal, womit er zurückkommen würde. Er fand uralte, kahle Knochen, die nach unserem Empfinden gar nicht mehr riechen konnten. Einmal kam er mit einem langen, schlenkernden Rehbein angerannt. Wir hatten Mühe, es ihm wegzunehmen und unerreichbar in eine Astgabel zu hängen. Bobbys Nase war einmalig. Wenn ich Hundekekse in meiner Jackentasche hatte, so hatte ich keine Chance, ihn später damit überraschen zu wollen. Er wusste sofort über die Kekse Bescheid und verlangte deren Herausgabe.
Mit Vorliebe fraßen unsere Hunde menschliche Exkremente. Wir konnten es nicht verhindern und schon gar nicht verstehen und ekelten uns enorm. Doch den Hunden schmeckte es vorzüglich. Außerdem wälzten sie sich, wann immer es möglich war, fröhlich in Hasenködeln. Derart parfümiert kehrten sie dann stolz zu ihren Frauchen zurück und ließen sich streicheln.
Wir begegneten ABM-Kräften, die im Wald arbeiteten. Sie kannten uns und unsere Hunde schon. Es war so herrlich: Während Ronja sich hingebungsvoll durchstreicheln ließ, machte sich Bobby klammheimlich über eingepackte Frühstücksbrote her. Meine arme Freundin hatte zu tun, sich für ihn zu entschuldigen.
Wir trafen häufig andere Hundebesitzer mit ihren Lieblingen. Man kannte sich mit Namen, man schwatzte miteinander. Meine Freundin musste Bobby oft an die Leine nehmen, denn er duldete kaum einen Rüden neben sich. Die meisten Leute warfen ängstliche Blicke auf meine große, schwarze Ronja, die ziemlich gefährlich aussah. Doch die eigentliche Gefahr hieß Bobby, der Furchtlose.
Bobby war überaus wachsam und pflichtbewusst. Es gab keinen Postboten, der ungestraft an der Tür klingeln durfte. Fremde hatten in Bobbys Haus nichts zu suchen. Nicht einmal die befreundete Nachbarin durfte eintreten, wenn Bobbys Familie nicht zu Hause war.
Bobby hing mit Leib und Seele an seiner Familie. Einmal wurde er für einen Tag zu einer Bekannten in Pflege gegeben, die mit ihm spazieren ging. Sie wollte dem Hund etwas Gutes tun und ließ ihn auf einem großen Feld von der Leine. Da wusste unser Bobby genau, was er wollte: nämlich nach Hause. Er rannte los und war nicht mehr zu halten. Erst als er vor seinem verschlossenen Haus stand, wurde er einsichtig und ließ sich wieder an die Leine nehmen.
Es gab noch einen ähnlichen Vorfall. An Bobby musste beim Tierarzt ein kleiner Eingriff mit Vollnarkose vorgenommen werden. Alles verlief gut. Die Familie wollte ihn zu einer verabredeten Zeit abholen kommen. Doch Bobby hatte einen anderen Plan. Er entwischte aus der Arztpraxis, kaum dass er erwacht war, keiner weiß wie, und rannte quer durch die Stadt nach Hause. Eine Nachbarin sagte schließlich Bescheid, dass der Hund Einlass begehrte. Alle waren fassungslos und unsagbar froh, dass nichts passiert war.
Dieser Hund war so willensstark. Und anhänglich.
Und verfressen! Als ich im Herbst meine Freundin und Bobby besuchte, brachte ich eine Packung Hundekekse mit. Natürlich wollte Bobby sofort einen Keks nach dem anderen haben. Auch von unserem Frühstück wollte er haben. Wir steckten ihm immer wieder leckere Häppchen zu. Wer konnte schon seinem Ich-hab-schon-lange-nichts-mehr-gefressen-Blick widerstehen? Später saßen wir im Wohnzimmer und Bobby lag gemütlich neben uns in seinem Bettchen. Dass er seinen ganzen übermäßigen Schmaus auf den Teppich erbrochen hatte, bekamen wir gar nicht mit. Erst eine Nachbarin, die zufällig klingelte und die Bescherung sah, machte uns darauf aufmerksam. So ein Heimlichtuer, dieser Bobby! Wir mussten alle lachen.
Bobby war auch ein kluger Hund, so klug, dass es uns die Sprache verschlug:
Als in der Küche ein einziges Mal der Name „Ronja“ fiel, die leider seit vier Jahren nicht mehr lebt, horchte er auf und blickte hastig suchend um sich. Es war nur eine kurze Reaktion, aber wir beide haben sie deutlich bemerkt.
Kann das sein, dass ein Hund ein derartiges Erinnerungsvermögen hat? Es ist unfassbar. Doch wir beide wissen, was wir gesehen haben.

Bobby war einzigartig – so wie eben nur Bobby sein konnte. Ein pfiffiges Kerlchen, ein echter Charakterhund mit einem starken Willen und einem treuen, liebenden Hundeherzen. Er hat seiner Familie so viel Freude gemacht. Seine Anhänglichkeit, seine kleinen, leicht durchschaubaren Schwächen, das alles machte ihn so liebenswert.

Bobby hatte ein langes, schönes Hundeleben. Er war glücklich und seine Familie war glücklich mit ihm.

Bobby wird für immer seinen Platz in der Familie behalten, egal was kommt. Er bleibt ein fester Bestandteil von ihr. Dessen bin ich mir ganz sicher.

Elke

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