Andrew Terker – Fünf Leben, zweite Episode: Raoul







von: Olaf74

Dies ist der zweite von fünf Texten, des Autors Andrew Terker. Jeder Text handelt von einem sehr realen menschlichen Wesen und seinem Leben. Jeder Text, so Andrew Terker, beschreibt zum einen, was in dem jeweiligen Leben schief gelaufen ist, zum anderen warum dies geschehen ist. Darüber hinaus werden die Lebensgeschichten aufzeigen, wie das Leben verändert werden kann, damit es zu einer Erfahrung der Freude und nicht zu einer Erfahrung des Leidens und der Qual wird. Andrew Terker betont, jedes dieser Leben ist eine Beschreibung des menschlichen Selbst, das wir das Anti-Selbst nennen. Anti-Selbst bedeutet ein Leben ohne Zugang zu den kosmischen Dimensionen der Existenz. Jede Episode wird auch einen Aspekt des menschlichen Lebens enthüllen, der bisher als Teil des „Mysterium des Lebens“ galt.

Diese Lebensgeschichte des Autors Andrew Terker ist eine sehr traurige und schmerzhafte Geschichte aus Afrika. Selbst diejenigen, die Zeugen des schrecklichen Massenmordes waren, können vollkommen von ihrem Schmerz geheilt werden, weiss Andrew Terker, indem sie lernen, sich den höheren Bewusstseinsdimensionen, die Liebe sind, hinzugeben. Ein Leben in Leid und offenbarer Sinnlosigkeit kann durchaus zu einem bedeutungsvollen Leben in Freude werden, selbst wenn der- oder diejenige den tiefsten Schmerz, den es überhaupt gibt, erlebt hat. Wie diese Heilung geschieht, gehört zum „Mysterium des Lebens“, berichtet Andrew Terker. Es ist Zeit zu entmystifizieren, was niemals erklärt worden ist.

Andrew Terker: Raoul ist ein Überlebender. Er überlebte den Genozid in Ruanda. Er ist ein Hutu. Aber er war auf der Liste derjenigen, die getötet werden sollten. Warum? Er war der Sohn eines Anhängers des alten Regimes. Nachdem der Präsident umgebracht worden war, begann das Morden. Raoul ist der einzige Überlebende in seiner Familie. Er war damals sieben Jahre alt. Indem er sich tot stellte, überlebte er. Raoul war einer der ganz wenigen, die überlebt haben. Er hat Dinge gesehen, die Kinder niemals sehen sollten. Selbst die meisten Erwachsenen möchten dies nicht sehen.

Weiter heisst es in Andrew Terkers Artikel: Höchstwahrscheinlich ist Ihnen nicht bekannt, was Macheten anrichten können. Sie waren schlimmer als Maschinengewehre. Raoul verbringt seine Tage damit, alles zu tun, um die Schreie nicht mehr hören zu müssen. In der Nacht ist er hilflos. Er bittet Gott, falls es dort draussen einen gibt, ihm zu helfen, die Schreie nicht mehr länger zu hören.

Heute ist Raoul 23 Jahre alt. Er will nicht leben. Es sind nicht nur die Schreie, die ihn überall hinbegleiten, so Andrew Terker, es ist auch die Schuld, die er nicht ertragen kann. Tagein, tagaus fragt er sich immer wieder, warum er überlebt hat. Wo sind seine Mutter und sein Vater? Warum haben sie nicht überlebt? Warum wurden seine beiden älteren Brüder und seine Schwester, die damals noch ein Baby war, mit Macheten massakriert? Warum nicht er? Raouls Gedanken lassen ihn, was diese Fragen und sein Schuldgefühl angeht, niemals zur Ruhe kommen. Innerhalb von nur 100 Tagen wurden damals ungefähr 800.000 Menschen niedergemetzelt.

Raoul lebt heute in Kenia, Andrew Terker weiter. Er kann nicht mehr nach Kigali zurückkehren, wo er als kleiner Junge gelebt hat. Er kann den Schmerz nicht ertragen. Keiner sucht nach ihm in diesen Tagen, dennoch versteckt er sich vor sich bzw. in sich selbst. Er spricht niemals über die Vergangenheit. Er „hütet“ sie in sich wie eine Zeitbombe, die es in Wirklichkeit ist, fährt Andrew Terker fort.

Raoul möchte nicht alt werden. Falls ihm keiner hilft, wird er auch nicht alt werden. Nierenkrebs ist Teil seines heimlichen Plans. „Sieben Jahre alt und weitere sieben Jahre“ ist ein geheimer Satz, den er in seinem Herzen trägt. Andrew Terker: Sein heimlicher Wunsch, wieder mit seinen toten Eltern, Brüdern und seiner kleinen Schwester vereint zu werden, ist grösser als sein Wunsch zu leben.

Andrew Terker – Muss Raoul sterben?

Nein. Sein Schmerz muss hochkommen, er muss ihn loslassen. Allerdings muss er, wie Andrew Terker weiss, zunächst lernen, wie das geht. Die Wahrheit zu erleben, so wie sie ist, könnte ihn befreien. Aber Raoul weiss nicht, wie das geht. In seinen Augen kann er nur die Freiheit erlangen, indem er aus dem physischen Leben scheidet.

Andrew Terker weist darauf hin, auf unserem Planeten gibt es Millionen von Menschen wie Raoul, Kinder und Erwachsene gleichermassen. Millionen leiden an seelischen Schmerzen durch massive Verletzungen, so Andrew Terker weiter, die sie über Jahre in sich tragen. Ruanda ist nicht der einzige Platz, an dem Genozid begangen wurde. An vielen anderen Plätzen auf der Erde haben Menschen körperliche und seelische Grausamkeiten erlebt. Es gibt die Überlebenden von Hungersnöten, Erdbeben und Seuchen, aber auch diejenigen die „lediglich“ grosse Verletzungen innerhalb ihrer Familie oder ihrem Umfeld erfahren haben, in Ländern, die als sehr zivilisiert gelten.

Heilung ist möglich, weiss Andrew Terker, aber es braucht die höheren Dimensionen des Bewusstseins dafür. Und es braucht, betont Andrew Terker, das Wissen über die Hingabe. Die Hingabe an die Liebe, die uns umgibt. Trotz der seelischen Wunden, die Raoul erlitten hat, ist der Kosmos um uns herum voller Liebe. Die Dimensionen der Liebe kommen auf unseren Planeten „herunter“. Wenn Raoul sich ihnen hingeben würde, könnte er nicht nur geheilt werden, sondern würde auch weiterleben wollen. Er würde die Liebe finden – die Liebe, die unser Planet so dringend braucht, schliesst Andrew Terker.

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